Ausblick fuer 75 cents

SUE - Eine Frau in New York

"Du musst dieses Foto nehmen" meinte ein Kollege heute frueh zu mir. "Warum?" "Das sind die dicksten Dinger!" Okay, das hat ueberzeugt. Und wenigstens echt. Man erkennt es leicht an den unperfekten Gaensehaut-Brustwarzen, die, wie jener Kollege versicherte, nicht Jedermans Fall seien. Jedermanm jedoch, das lies sich in SUE stets nachvollziehen, ist einer sexuell offenen Frau nicht abgeneigt, einer, die von sich selbst behauptet, sie wuerde sich nur beim Sex offenbaren. Wen wundert es, dass diese Fixierung SUE nicht gluecklich werden laesst (na gut, den Kritiker in uns wundert es nicht, den Mann in uns freilich schon). Wir verfolgen sie bei ihrem stetigen Abstieg in Manhattan, ihrem Bemuehen um einen Arbeitsplatz, ihrem Alkoholismus, ihrem einsamen Ringen um die Anerkennung durch die alzheimerkranke Mutter. Anna Thompson spielt SUE so intensiv wie einst die vergewaltigte Hure in Eastwoods UNFORGIVEN, nur laenger.

Regisseur Amos Kollek, Sohn des Ex-Buergermeisters von Jerusalem namens Teddy, stellt sein besonderes Talent fuer den dokumentarischen Spielfilm unter Beweis. Ohne die Biografie SUEs und die Motive ihrer Traurigkeit genauer zu hinterfragen, laesst er uns an ihrem Leben teilhaben. Inwiefern er damit allerdings maennliche Zuschauer wirklich beruehrt, ist unklar. Eine Frau, von der ein Mann sagen kann, sie laege ihre ganze Leidenschaft in den Sex (wie es einer ihrer Lover tut), verdiente eigentlich die Traumnote 10. Dass der Frau das nicht genug ist, mag dann eher bedauernswert und kritikwuerdig sein. Insofern ist eine Szene wie die, in der SUE einen Kinobesucher zum Cunnilingus draengt, ohne ihn danach ihrerseits befriedigen zu wollen, auch ein Indiz ihrer eigenen Gefuehllosig- und -unfaehigkeit. Und da ich schaetze, dass wir Maenner alle solche Frauen kennen (oder noch kennenlernen werden), koennte SUE wahrhaftig als Warnung vor jenem Typ Frau aufgefasst werden. Die Oekumenische Jury, die dem Werk einen Preis bei den Berliner Filmfestspielen 98 zudachte, erkannte "die verzweifelte Suche nach Liebe und Naehe in einer Gesellschaft der Vereinzelung." Nun ja, bei mir ersetzt so mancher Film den Rat der Weisen, und beim naechsten Mal werde ich wohl dank Amos Kollek noch schneller die verkappte Nymphomanin im Real Life enttarnen. Vielleicht ging es Kollek ja doch mehr um die Hure in der Frau, denn ueber solche hat er schon einmal einen Film gedreht (BAD GIRLS), in dem er selbst einen Autor spielt, der sich bei seinen Recherchen gleich in zwei Prostituierte verliebt. Keine Ahnung, wie diese Geschichte ausgeht, aber lasst Euch von mir sagen, es ist im Grunde auch nicht anders, als sich in eine Schuhverkaeuferin beim KAUFHOF zu verknallen, die lispelt: "Die Sympatex von Rohde kommen erst wieder im Herbst rein."

KILLER

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