Begehrenswert

LOLITA

Ich will ja nicht so weit gehen, zu behaupten, dass es nur zwei Kategorien von Menschen gaebe: Die einen, die auf Lolitas stehen, und die anderen, die es nicht tun. Nein, da muss noch eine dritte Gruppe sein: Die voellig Verwirrten. Das sind diejenigen, die vor lauter Tabuverinnerlichung nicht mehr genau erkennen, was sie eigentlich empfinden. Dieses Dilemma wehren sie dann bevorzugt in ueberlautem und nervoesem Protest ab. Da stellen sich solche Wesen dann mit Transparenten vor Kinos, als wuerde man ueber sie einen Film machen, mit dem Thema "Es lebe die Buecherverbrennung" vielleicht? Jene Aktionsgruppen versuchen, Stimmung gegen einen Film zu machen, den im Land der Feiglinge, den USA, nicht ein Verleiher in die Kinos brachte. Der staendige Hinweis auf des Regisseurs Adrian Lynes ehemaligen Miniskandalfilm NEUNEINHALB WOCHEN, der eher eine Anregung darstellte, das eigene Sexleben mal etwas aufzufrischen, war schon verfehlt. Lyne hat mit JACOB'S LADDER eine der ernstzunehmenden Vietnam-Reflektionen geschaffen, die Alan Parkers BIRDY zum Bruder hat. Auf Lynes Visitenkarte stehen auch FLASHDANCE (1983), EINE VERHAENGNISVOLLE AFFAERE und EIN UNMORALISCHES ANGEBOT. Was ein Mann noch tun muss, um die gebuehrende Anerkennung zu erfahren, ist mir schleierhaft. Immerhin hat es Lyne geschafft, sich den spiessigen Aktionisten nicht gar so einzuschleimen wie sein Hauptdarsteller Jeremy Irons. Der bemuehte sich staendig zu betonen, dass LOLITA jedem, der mal Gedanken wie Humbert Humbert (seine Figur) hegte, vor Augen fuehrte, wie sinnlos und schlecht so etwas sei.

Zur gleichen Zeit lese ich dann, dass von denen, die ueber sexuelle Erfahrungen in ihrer Kindheit berichten konnten, unter den Maennern die meisten diese mit Frauen gemacht hatten. Und zur gleichen Zeit muss die US-amerikanische Lehrerin Le Tourneau, die ein Kind von ihrem 13jaehrigen Schueler bekam, nicht nur auf das Kind verzichten, sondern auch fuer sieben Jahre in den Knast, weil sie - auf Bewaehrung draussen - es wagte, sich noch einmal mit ihrem Geliebten, dem Vater ihres Kindes zu treffen. Nun, ich konnte Jeremy Irons nie sonderlich leiden. Diese Rolle des Humbert hat er klasse gespielt. Durch den Intelligenz- und Chuzpetest faellt er dennoch. Wie kann man nur so naiv und empfindungslos sein, sich nicht vorstellen zu koennen, dass sich etliche Zuschauer in Humbert wiederfinden, und in Lolita, und zwar heulend, und zwar verzweifelt, und zwar sympathisierend, und gar nicht angeekelt, und gar nicht schockiert. Es sind all die Zuschauer, die im Grunde aufrecht (wie Humbert) geliebt haben, ohne dass ihre Liebe gleichermassen erwidert wurde. Es sind diejenigen, die sich eingeschnuert fuehlten von der uebermaechtigen Begierde eines Erwachsenen und sich doch genau danach sehnten (wie Lolita, die lieber mit dem geilen Pornoproduzenten durchbrennt). Und es sind wohl auch all diejenigen, die wie die Lehrerin Mary Kay Le Tourneau nicht lieben duerfen, wen sie lieben wollen, weil irgendwer in der Gesellschaft meint, er (und in diesem Falle war es eine sie, eine Richterin) muesse bestrafen, was das Leben erst sinnvoll macht: die Liebe. All diese Dummheit im Umfeld der LOLITA-Diskussion ist kaum zu ertragen. Als ich zum erstenmal Nabokov las, konnte ich kaum fassen, wie praezise er das Innenleben von Humbert durchleuchtet. Wie kann einer das tun, ohne selbst betroffen zu sein? Selbst Nabokovs Erbe und Sohn Dmitri ist sich sicher, dass Vater Vladimir nur von einer, der Insektenart der Schmetterlinge besessen war. Erst 1986 konnte Dmitri Vaters Vorstufe zu LOLITA aus dem Russischen ins Englische uebersetzen: THE ENCHANTER (deutsch DER ZAUBERER, bei rowohlt, ca. 100 Seiten mit Kommentar). Ein Auszug:

"War es sinnliche Begierde, diese Qual, die er empfand, waehrend er sie mit den Augen verschlang, ihr geroetetes Gesicht anstaunte, die Kompaktheit und Vollkommenheit jeder ihrer Bewegungen (besonders, wenn sie, kaum dass sie zur Bewegungslosigkeit erstarrt war, wieder davonschoss und dabei geschwind mit den vorstehenden Knien pumpte)? Oder war es die Pein, die stets einherging mit seinem hoffnungslosen Verlangen, der Schoenheit etwas zu entnehmen, es fuer einen Augenblick festzuhalten, etwas mit ihm zu machen - gleichgueltig was, solange es nur irgendeine Art von Kontakt gab, der irgendwie, gleichgueltig wie, jene Sehnsucht zu stillen vermochte?" (S. 16 f.)

Hier geht es um die Sehnsucht nach einer 12jaehrigen. Die Darstellerin der LOLITA im Film ist unuebersehbare 15 Jahre alt. Und damit in einem Alter, in dem hierzulande (und mancherlands schon laengst) mit Einverstaendnis der Eltern alles legal moeglich waere. Worin besteht also der eigentliche Skandal? Der Skandal besteht darin, dass es gar nicht geschehen konnte, LOLITA adaequat zu verfilmen, naemlich mit einem Kind, einer 12jaehrigen, die verfuehrerisch wirkt, nicht einer 15jaehrigen, die es sein sollte und sein will und kein bisschen juenger aussieht. Genau wie in Deutschland, wo sich Lindenstrassen-Erfinder Geissendoerfer an die Verfilmung von Hella Eckerts Erstlingsroman BIG JOHN machen wollte, auch so eine LOLITA-Geschichte, sehr feinsinnig, aber ohne jeden ueblen Beigeschmack bei den dezenten Intimitaeten - genau wie hier besetzt man Kinder nur in den unzaehligen Filmen und Fernsehspielen, in denen sie Opfer von Missbrauch und Vergewaltigung werden. Eine Geschichte, die ein Paar von sich zugeneigtem Erwachsenen und Kind zeigt, kann entweder nicht gutgehen, oder darf nicht sein. Das vorlaeufige Ende vom Lied ist dann, dass man vor dem Kino von den Aktivisten angelabert wird, ob man denn den Kindesmissbrauch unterstuetzen wolle, der in LOLITA gezeigt wuerde. Hey, Leute, es ist Humbert, der nicht bekommt, was er will, und im Knast landet. Es ist der widerliche Pornoproduzent, den LOLITA liebt, und irgendein treues Hausmaennchen, mit dem sie eine Familie gruendet. Wenn Ihr wuesstet, wie Nabokov und Lyne den erbaermlichen Realitaeten Eurer Gesellschaft den Spiegel vorhalten

KILLER

Humbert, nicht Irons ...

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