Boese gucken

THE DEVIL'S ADVOCATE
Im Auftrag des Teufels

Dass Gefuehl, am falschen Ort zur falschen Zeit zu sein, beschleicht mich regelmaessig, wenn ich ein Flugzeug betrete. Beamen ist eben besser. Aber da Kirk und Co. in Taylor Hackfords neuestem Film keinen Part haben, musste ich mir selbst mit technischen Hilfsmitteln die Zeit ueberbruecken. Bis zum Ende des Filmes. Ich entschied mich, an was Gutes zu denken. Zum Beispiel die Fuenfkiloweihnachtsgans mit Rotkraut und Spaetzle, von meiner Mutter sechssternemaessig zu Heilig Abend zubereitet (die letzte Gans beim TOOM, und nur, weil jemand vergessen hatte, sie abzuholen). Mit positivem Denken und Konzentration ueberstand Jan P. Reemtsma seine Entfuehrung, und nur so haette er diesen Film ueberlebt. Nicht wie 140 Minuten abspielbares Zelluloid, sondern wie ein 140 Meter langer HUBBABUBBA-Kaugummi, der von geistig noch sehr formbaren Kindern zu lange durchgekaut wurde, zieht sich THE DEVIL'S ADVOCATE hin, um dann mit einem Wort zu enden, das ihn selbst am besten charakterisiert: VANITY. Das heisst naemlich zum ersten: Eitelkeit. Die hat natuerlich der Teufel in Person, Al Pacino, darzustellen. Es ist urkomisch, das Original zu hoeren. Pacino spricht diverse Sprachen wie Chinesisch und Russisch, aber alles hoert sich durch seinen zentnerschweren Akzent so gleich an, dass es geradezu peinlich wird, wie Hackford seinen Darsteller zum Aufzeigen seiner schauspierischen Grenzen zwingt. Gestus und Grinsen von Pacino sind haeufig nicht mehr als eine Parodie seiner Ueberfigur im PATEN, das hat Brando aber schon mal besser gemacht. Denn THE DEVIL'S ADVOCATE ist keine Komoedie, sondern ein Horrorfilm, und so sind es auch ausnahmslos Special-Effects und Phantasyfreunde gewesen, die aus der Pressevorfuehrung begeistert herauskamen. Schon in den Staaten hatten einige renommierte Kritiker darauf hingewiesen, dass ausser EIN OFFIZIER UND EIN GENTLEMAN Regisseur Taylor schon einiges gehackford hatte (WHITE NIGHTS, AGAINST ALL ODDS). Seit seiner einfuehlsamen und differenzierten King-Verfilmung DOLORES CLAIBORNE, die zeitweise ueberraschend langsam und unspektakulaer daherkam, hatte er bei mir aber einen Stein im Brett. Der zerbroeselt angesichts eines Versuches, Ausgang des 20. Jahrhunderts auf den Bummelzug der Apokalypse aufzuspringen, um dort den Antichristen Kohlen schippen zu lassen.

Die ganze Idee des Filmes, der auf einem Roman von Andrew Neiderman beruht, ist krank und witzlos. Es sei denn, man hat zu lange in die Bibel geguckt und glaubt auch den angeblichen Tierschuetzern auf der Haupteinkaufsstrasse, dass sie genau das meinen, was sie sagen, wenn sie eine Unterschrift von einem wollen. Im christlich verklemmten Nordamerika, wo vielfach nicht einmal Oralverkehr in der Ehe erlaubt ist, mag es denn auch unverschaemt aussehen, wenn sich zwei Frauen im Aufzug kuessen, oder wenn sich eine an Al, dem Kleinen, unterm Tisch zu schaffen macht. Hierzulande wird man hoechstens denken: Oh, toll, wo gibt's die Frauen? Die krampfhaften Versuche einiger meiner Kollegen, mehrere Zeitebenen in einen Film hineinzugeheimnissen, der sich in der Tat nicht zu schade ist, einen uralten schimmeligen Trick aufzugreifen und als machtgeile Phantasie zu entlarven, was sich ueber knapp zweieinhalb Stunden wie eine schmierige Schneckenschleimspur dahinzog, sind bezeichnend fuer das Versagen des Filmes, selbst innerhalb seines angedachten Genres. In ideologischer Hinsicht, und das unterscheidet in so sehr von DOLORES, ist er schlicht gestrickt wie MEGAN'S LAW. Am Anfang sehen wir einen etwas feisten, bebrillten Lehrer, wie er aus einem Zartbitter-Comic stammen koennte, bezichtigt sexueller Uebergriffe auf Schuelerinnen. Erst verteidigt ihn Keanu Reeves alias Kevin Lomax (ja, er klingt wie eine Schmerztablette, aber er wirkt nicht so, glaubt mir). Am Ende wird er "das Schwein" natuerlich reinreissen, denn ihm ist laengst klar, dass es nur einen Schuldigen geben kann. Drei Jahre nach DOLORES ist mit MEGAN'S LAW eine Atmosphaere entstanden, die keine Zwischentoene bei solch sensiblen Themen mehr zulaesst (auch LOLITA ist ein Beweis dafuer). Jenes Gesetz, das es erlaubt, einen verurteilten Sexualstraftaeter als solchen in dem Bezirk, in dem er lebt, zu outen (und damit seine Resozialisierung mit Sicherheit nicht erleichtert), ein Kraftakt einer verstaendlicherweise durch den Mord an ihrem Kind verzweifelten Frau, hat sich trotz aller Bedenken von Juristen, Soziologen, Psychologen und den Berichten ueber Taeterverhalten (die einfach da weitermachen wuerden, wo sie unbekannt sind) in den USA vorlaeufig durchgesetzt und jene Mutter bis vor Clintons Angesicht gefuehrt. Nicht nur deshalb ist THE DEVIL'S ADVOCATE ein abgeschmackter Film, nicht nur, weil er dieses reaktionaer-hilflose Verhalten durchgeknallter Opfer unterstuetzt. Nein, gerade in den Passagen, in denen er den Teufel in Pacinos Gestalt schwadronieren laesst, dass Lomax/Reeves ja immer EINE WAHL HATTE, zeigt sich der kotzbruehige Zynismus dieses Fehltritts. So sagt das Teufelchen: "Ich schaffe nur Situationen. Die Wahl liegt immer bei dirů Du hast die Wahl." - Ich werd dran denken, wenn ich hoere, dass gerade wieder ein Kind in Angola auf eine Landmine gehuepft ist. Was heisst "Vanity" noch? Richtig: Hohlheit. Leere. Ach was, dieser Film suckt nicht nur, er stinkt. Vom Himmel bis zur Hoelle - und zurueck.

KILLER

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